Über dieses Heft

Autor/innen

  • Editors / Herausgeber

Abstract

Das vorliegende, von Matías Martínez und Michael Scheffel als Herausgebern betreute Heft von DIEGESIS versammelt ausgewählte Beiträge der 8. Konferenz des European Narratology Network (ENN), die vom 29. September bis zum 1. Oktober 2025 unter dem Titel „Limits of Narrative“ am Zentrum für Erzählforschung (ZEF) der Bergischen Universität Wuppertal stattfand. Die Aufsätze behandeln eine grundlegende Frage der gegenwärtigen Narratologie: Wo liegen die Grenzen des Erzählens, und wie lassen sie sich erkennen und bestimmen?

Der bemerkenswerte Erfolg der Begriffe Erzählen und Narrativ innerhalb wie außerhalb der Wissenschaft hat diese Fragen zunehmend dringlich werden lassen. Seit Roland Barthes’ immer wieder zitierter Formel „[d]ie Erzählung [...] ist international, transhistorisch, transkulturell, und damit einfach da, so wie das Leben“ (Introduction à l’analyse structurale des récits [„Einführung in die strukturale Analyse von Erzählungen“], 1966 [1988]) hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass das Erzählen eine universale Kategorie der Erkenntnis und Darstellung sei, unverzichtbar für die Wahrnehmung und Bewältigung der Wirklichkeit. Narrative werden inzwischen in nahezu allen Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften untersucht, während Storytelling in Politik, Journalismus, Marketing und Alltagskommunikation zu einem allgegenwärtigen Begriff geworden ist. So schreibt Yuval Noah Harari jüngst: „Erzählungen ermöglichen den Aufbau großer menschlicher Netzwerke, indem sie falsche Erinnerungen einsetzen, fiktive Beziehungen herstellen oder intersubjektive Wirklichkeiten erzeugen. […] Die auf Erzählungen beruhenden Netzwerke machten Homo sapiens zum mächtigsten aller Tiere und gaben ihm einen entscheidenden Vorteil gegenüber Löwen und Mammuts, aber auch gegenüber anderen Menschenarten wie dem Neandertaler“ (Y. N. Harari: Nexus. Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz, 2024). In der öffentlichen Kommunikation begegnen uns die Begriffe Narrativ und Erzählung heute auf Schritt und Tritt – von der Suche nach ‚A New Narrative for Europe‘ über die ‚Stories‘ auf den Internetseiten von Unternehmen wie Siemens oder Johnson & Johnson bis hin zu den ‚Patientennarrativen‘, mit denen sich die Narrative Medizin beschäftigt.

Diese Ausweitung hat zweifellos zur Sichtbarkeit und interdisziplinären Bedeutung der Narratologie beigetragen. Zugleich hat sie jedoch auch einen inflationären Gebrauch des Narrativbegriffs begünstigt, der dessen analytische Trennschärfe zu untergraben droht. Wenn sich nahezu alles als ‚narrativ‘ bezeichnen lässt, wodurch unterscheidet sich dann das Erzählen von nichtnarrativen Formen der Kommunikation und Darstellung? Angesichts der ausufernden Verwendung des Begriffs Narrativ, der dabei nur allzu oft einer präzisen Bedeutung entbehrt, ist es an der Zeit, seine Grenzen kritisch zu untersuchen. Erleben wir gegenwärtig womöglich eine „gedankenlose Aufwertung des Erzählens“ („mindless valorization of storytelling“, Peter Brooks: Seduced by Story. The Use and Abuse of Narrative, 2022)?

Die Aufsätze des vorliegenden Heftes behandeln die skizzierte Problematik aus unterschiedlichen Perspektiven. Im Mittelpunkt stehen die Grenzen zwischen dem Erzählen und anderen literarischen Gattungen und Textsorten, die Möglichkeiten und Beschränkungen des Erzählens in unterschiedlichen Medien sowie die kognitiven Prozesse, durch die Rezipienten aus notwendig unvollständigen Darstellungen kohärente Geschichten konstruieren. Weitere Beiträge untersuchen die Grenzen der Erzählwürdigkeit (tellability), den historischen Wandel narrativer Formen und die Herausforderungen durch generative künstliche Intelligenz. Andere Fragestellungen betreffen die Rolle des Erzählens bei der Konstruktion personaler und kollektiver Identitäten, die gesellschaftlichen Erwartungen und Zwänge, die mit dem Erzählen verbunden sind, sowie die ethischen und politischen Implikationen narrativer Wirklichkeitsdarstellungen.

Diesen unterschiedlichen Ansätzen liegt ein gemeinsames Interesse an der begrifflichen Reichweite und Erklärungskraft der Narratologie zugrunde. Erzählen ist nicht lediglich eine formale Struktur, sondern eine situierte kommunikative Praxis, die von spezifischen Intentionen, Kontexten und Erwartungen geprägt ist. Seine Fähigkeit, Erfahrungen zu ordnen, Wissen hervorzubringen und soziale Identitäten zu stiften, ist untrennbar mit seinem Potenzial verbunden, Wirklichkeit zu verzerren, zu manipulieren oder bestimmte Perspektiven auszuschließen. Die Grenzen des Erzählens zu untersuchen bedeutet daher nicht nur, narrative von nichtnarrativen Phänomenen zu unterscheiden, sondern auch die Möglichkeiten und Beschränkungen des Erzählens selbst kritisch zu reflektieren.

Literaturhinweise

Veröffentlicht

2026-10-28